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Klassik Heute

2025

Besprechung CD
Blackbird & Ancestors

Blackbird & Ancestors

Beth Levin Live in Concert

Mozart • Tiessen • SchubertAldilà Records ARCD 026


Unter den Händen von Pianistinnen und Pianisten der jüngeren bis  mittleren Generation werden Franz Schuberts späte Klaviersonaten derzeit  gerne zum Schauplatz der Extreme ausgebaut: mit kaum mehr hörbaren  Pian-Pianissimo-Werten einerseits und emotionalen Entgrenzungen  andererseits. In diesem Kontext ist es eine willkommene und in Vielem  erhellende Abwechslung, mit Beth Levin einer Meisterin klassischen,  nicht: klassizistischen Schubert-Spiels zu begegnen. Levin, Jahrgang  1950, zu deren Lehrern Marian Filar, Rudolf Serkin und Dorothy Taubman  gehörten, legt hier den Live-Mitschnitt einer offenkundig  hochkonzentrierten Münchner Aufführung aus dem letzten Jahr vor.


Die Fassung bewahrt


Ein Schlüsselmoment der G-Dur-Sonate D 894 ist der Höhepunkt im Kopfsatz, dessen Gestaltung charakteristisch für  Beth Levins Kunst ist: Sie arbeitet die Kulmination klar heraus, nicht  zuletzt durch eine minutiöse Vorbereitung mit weittragendem Atem,  übersteigert sie aber nicht zum expressionistisch Katastrophischen. So,  wie sie nicht Fassung verliert, wenn der Komponist krasse Visionen  äußert, ist ihr Ausdrucksmittel überhaupt der genau bemessene Anschlag  und eine absolute Kontrolle über ihren Ton, den sie bei leisen Stellen  im Ganzen kleinhalten kann: Auch ihr Pianissimo ist nie bloß  sensualistisch oberflächlich, sondern hat immer auch pianistische  Substanz. Bei Schubert und in der Klaviersonate a-moll KV 310 von Wolfgang Amadeus Mozart wirkt sich auch das intime, hallarme  Klangbild sehr positiv aus, das mehr von Salon als von Konzerthalle hat.  In der Mozart-Sonate wirkt Beth Levin der gestanzten Präzision und  Luzidität ihres Spiels mit spontan wirkendem Rubato spannungsvoll  entgegen. Gerade die schnellen Sätze sind von sogartiger  Geschlossenheit.


Wertvolle Wiederentdeckung


Von besonderem Interesse sind die Fünf Klavierstücke op. 21a von Heinz Tiessen, die der Komponist, Dirigent und Pädagoge – zu seinen  berühmtesten Schülern gehörte Sergiu Celibidache – 1915 schrieb, und  die hier sogar als Weltersteinspielungen vorliegen. Für die  Rezeptionsgeschichte dieses interessanten und lange verschollenen Werkes  lohnt sich der konkurrenzlos informierte Begleittext von Christoph  Schlüren. Der junge Komponist zog diese Stücke nach der Uraufführung  durch Eduard Erdmann zurück, weil er sie für revisionsbedürftig hielt;  stilistisch changieren sie zwischen einem vollgriffigen  Spätestromantizismus und der tonalen Unsicherheit des frühen Schönbergs.  Könnte Tiessen hören, wie Beth Levin diese Stücke weit ein Jahrhundert  nach ihrer Entstehung spielt, wie sie die freien Formen entschlossen  zusammenfasst und gleichzeitig jeden Moment mit sprechender Bedeutung  auflädt, würde er vielleicht davon absehen, sie zu überarbeiten – ein  größeres Kompliment lässt sich Beth Levin kaum machen.


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© 2025 by Beth Levin

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